Lisboa. Minha Querida.

Lissabon. Meine Liebe.

Um der Hauptstadt Portugals zu verfallen, bedarf es nicht viel. Denn die strahlende Schönheit am Tejo verführt mit Prunk und Pracht ebenso wie mit morbidem Charme in kleinen verschwiegenen Gassen und nostalgischen Stadtvierteln. Das besondere Licht, von dem Lissabon umhüllt ist, rührt u. a. von den unzähligen Kacheln, den sogenannten Azulejos, die auf vielen Häuserfassaden angebracht sind. Schick und modern neben alt und oft halb verfallen. Lissabon hat viele Gesichter. Man muss sich nur darauf einlassen. Es lohnt sich!

More Drama. Die Sache mit der Saudade.

Oft, aber nie gänzlich in der vollen Kraft der innewohnenden Bedeutung übersetzt: die Saudade! Weit mehr, als nur eine Melancholie, die von leise klingender Sanftheit bis hin zu herzzerreißender Leidenschaft alles an Emotionen aufzuwarten vermag. Mehr als Wehmut und Sehnsucht nach Verlorenem. Mehr als bloßes Fernweh. Vielmehr ist es eine Art von „Weltschmerz“, den der großartige portugiesische Schriftsteller Fernando Pessoa, in folgende Worte gefasst hat:

„Saudades – nur Portugiesenkönnen dieses Gefühl kennen.Weil nur sie dieses Wort besitzen,um es wirklich beim Namen zu nennen.“

Kein Wunder also, dass sich das Wort Saudade in der Top-Ten-Liste der „unübersetzbaren“ Wörter der Welt findet und gleichzeitig auch auf Platz sechs der zehn schönsten Wörter der Welt. Am eindrucksvollsten wird das Wesen und das Lebensgefühl der Saudade in der Musik des Fado besungen. Im ältesten Viertel der Stadt, in der Alfama, finden sich zahlreiche kleine Fado-Bars und Clubs, in denen man sich dem Fado und der Saudade in allen Facetten hingeben kann. Da kann schon einmal Gänsehautfeeling aufkommen. Vor Wohlgefühl allerdings!

Apropos Fernweh.

Portugal und Lissabon sind auch Heimat ebenso wagemutiger wie abenteuerlustiger Seefahrer und Entdecker. Vom ehemaligen Hafen im Stadtteil Belém brachen diese im 15. und 16. Jahrhundert auf, um beispielsweise den Seeweg nach Indien ausfindig zu machen (Vasco da Gama), das riesige Brasilien für Portugal in Besitz zu nehmen (Pedro Alvares Cabral) oder den Seeweg westwärts nach Asien zu entdecken (Ferdinand Magellan).

Die Schönheit am Tejo vereint unbekümmerte Lebensfreude mit der für Portugal typischen Form des Weltschmerzes, der Saudade.
Prachtvoll gestaltete Azulejos, Kacheln, schmücken zahlreiche Lissaboner Fassaden.
Ein Detail des Denkmals der Entdeckungen – Padrao dos Descobrimentos – im ehemaligen Hafen von Belém.

Sich in Stadtvierteln verlieren & in Ruheoasen wiederfinden

Das Unbekannte suchen.

Lissabon ist dank seiner überschaubaren Größe eine ausgezeichnete Destination, um sich zu Fuß auf Entdeckungsreise zu begeben und die Stadt abseits der gängigen Reiseführer für sich zu entdecken. Doch Lissabon zu Fuß zu erobern hat auch seine Tücken. Die meisten Gehsteige und Fußwege sind mit Kopfsteinen gepflastert. Und diese können manchmal ganz schön glatt und rutschig sein. Hinzu kommt die hügelige Topographie der Stadt. Entsprechendes Schuhwerk und etwas Kondition sind also angesagt! Das Gute an der Sache: in Lissabon muss man nicht weit laufen, um auf chillige Bars und gemütliche Restaurants zu treffen. Diese zeugen nicht nur von der Genussfreudigkeit der Stadt und ihrer Bewohner, sondern auch von der enormen Wichtigkeit, sich selbst mit kleinen Auszeiten vom Alltagstreiben zu verwöhnen. Auch Shopping-affine Besucher werden an Lissabon ihre helle Freude haben. Kleine, traditionelle Geschäfte in denen die Zeit stillgestanden zu haben scheint lassen sich ebenso finden, wie hippe, mondäne Läden, Boutiquen und Galerien. Augen auf! Eines meiner Lieblingsplätzchen zum Schmausen und Chillen ist das Kaffeehaus Lisboa, das Wiener Caféhausatmosphäre und österreichische Genusskultur mit portugiesischer Lebensfreude vereint. Das Kaffeehaus befindet sich, etwas abseits gelegen, im quirligen Viertel Chiado.

Momente der Ruhe genießen.

Etwas außerhalb des Stadtzentrums von Lissabon – direkt unter der berühmten Brücke „Ponte 25 de Abril“ befindet sich die LX-Factory. Das riesige Gelände war einst Heimat einer großen Textilfabrik. Nachdem diese geschlossen wurde und lange Zeit brach lag, wurde der Gebäudekomplex im Jahre 2007 schließlich revitalisiert. Künstler und Kreative sowie Bars, Restaurants und kleine Läden beleben seitdem die alten Fabrikgebäude und Lagerhallen. Auch Touristen zieht es gerne in die LX-Factory, um zu flanieren und zu genießen. Wer es noch ruhiger haben möchte, dem sei der „Friedhof der Freuden“ ans Herz gelegt. Der Cemitério dos Prazeres hat seinen Namen angeblich von einem Ausflugspark, der sich hier, vor dem Anlegen des Friedhofes, befunden haben soll. Im Westen der Stadt und an der Endhaltestelle der berühmten Straßenbahnlinie 28 gelegen, spiegelt der Friedhof der Freuden den großzügigen Lebensstil dieser, von großbürgerlichen Vierteln geprägten Gegend wider. Die Besonderheit dieses Friedhofes stellen die sogenannten „Begräbnisvillen“ dar. Dabei handelt es sich um überirdische Grüfte mit frei aufgestellten Särgen, die sich wie Häuser aneinanderreihen. Insgesamt kann man hier durch 80 Straßen und Alleen spazieren und sich nicht nur Gedanken über die Vergänglichkeit machen, sondern auch besonders schöne Ausblicke auf den Tejo und die Ponte 25 de Abril erhaschen. Außerdem: Hot Spot für Planespotter!

Bergauf, bergab auf tückisch glattem Kopfsteinpflaster. Wer Lissabon besucht, benötigt gutes Schuhwerk.
Abseits des Touristenmainstreams. In den zahlreichen kleinen Gassen und Plätzen der Stadt lässt sich das eine oder andere Kleinod zum Genießen entdecken.
Der Rossio – offiziell Praca de D. Pedro IV – zählt zu den bedeutendsten Plätzen im Herzen Lissabons und ist bei Einheimischen wie Touristen gleichermaßen beliebt.
Die LX-Factory auf einem ehemaligen Fabrikgelände bietet sich hervorragend zum Flanieren & Entspannen an.
Der Cemitério dos Prazeres – der Friedhof der Freuden – lädt zum „Verweilen“ ein.

Lissabon verso San Francisco – vier Ähnlichkeiten

Nummer 1: Die Brücke.

Wer kennt sie nicht? Zumindest von Fotos. Die Golden Gate Bridge in San Francisco! Erblickt man die Brücke des 25. April, die sich über den Tejo spannt und den Lissaboner Stadtteil Alcantara mit dem Städtchen Almada verbindet, erkennt man kaum bis keine Unterschiede zur Golden Gate Bridge. Beide sind Hängebrücken und beide sind rot angestrichen. Doch aufmerksame Beobachter und passionierte Brückenliebhaber erkennen die augenscheinlichsten Unterschiede vielleicht auf den ersten Blick. (?) Während die Brückenpfeiler der doppelstöckigen Ponte 25 de Abril Querverstrebungen aufweisen, zeigt sich die einstöckige Golden Gate Bridge mit horizontalen Verstrebungen! Die eigentliche Brückenschwester der Lissaboner Hängebrücke ist die ebenfalls doppelstöckige San Francisco Bay Bridge: beide wurden von der American Bridge Company geplant und gebaut.

Nummer 2: Die Hügel.

Nicht nur Rom wurde auf sieben Hügeln erbaut. Auch Lissabon und San Francisco rühmen sich, auf sieben Hügeln errichtet worden zu sein. Wahr oder nicht wahr? Tatsächlich wurde Lissabon auf einem Hügel gegründet – dem Burgberg, auf dem heute das dominante Castelo de Sao Jorge thront. Im Jahre 1620 wurden im „Buch der Sehenswürdigkeiten Lissabons“ die legendären sieben Hügel erstmals erwähnt (um der mächtigen Stadt Rom die Stirn zu bieten?). Da seither jedoch schon einige Jahre ins Land gezogen sind und die Stadt sich im Laufe der Jahrhunderte stetig ausgedehnt hat, wird sich auch die Anzahl der Hügel erweitert haben. Wie viele Hügel es jetzt wirklich sind, sei also dahingestellt. Auf jeden Fall bilden sie, gemeinsam mit den zahlreichen Treppen und steilen Gassen die Charakteristika der Stadt. Und San Francisco? Kenner der Stadt sprechen gar von insgesamt 44 Hügeln, auf denen sich die berühmte Stadt an der Westküste Amerikas erstrecken soll. Vielleicht eine reizvolle Herausforderung für den nächsten Städtetrip?

Nummer 3: Naturkatastrophen.

Auch diesbezüglich können sich Lissabon und San Francisco bedauerlicherweise die Hände reichen. Ein folgenschweres Erdbeben legte San Francisco im Jahre 1906 in Schutt und Asche. Das Beben mit bis zu 8,4 Bebenstärke auf der Richterskala war bis nach Los Angeles und Nevada spürbar und ging als eine der schlimmsten Naturkatastrophen in die Geschichte der Vereinigten Staaten ein. Über 3.000 Menschen fanden bei diesem Beben mit anschließender Feuerkatastrophe den Tod. Noch unerbittlicher schlug die Natur in Lissabon zu. Das Erdbeben im Jahre 1755 gilt als die verheerendste Naturkatastrophe in der europäischen Geschichte. Am 1. November bebte die Erde zerstörerische sechs Minuten lang. Viele Menschen, die das schwere Beben überlebt haben, flüchteten in Richtung Tejo zum Hafen. Eine unheilbringende Entscheidung. Denn 40 Minuten nach dem Beben riss ein infernalischer Tsunami Tausende von Menschen mit in den Tod. Und der Rest, der nach dem Erdbeben und dem Tsunami noch von Lissabon übrig geblieben ist, wurde von einem tagelang wütenden Feuer fast gänzlich zerstört. Aufzeichnungen zufolge kamen in den ersten Novembertagen des Jahres 1755 in Lissabon 30.000 bis 100.000 Menschen von insgesamt 275.000 Einwohnern ums Leben. Allein das Stadtviertel Alfama sowie die Lissaboner Oberstadt blieben fast unbeschädigt. Der berühmteste Zeuge des Jahrhundertbebens ist noch heute im Herzen der Stadt zu sehen: die Ruinen des Convento do Carmo.

Nummer 4: Straßenbahnen.

Hügelige Städte können für zu Fuß gehende Menschen manchmal etwas anstrengend werden. Straßenbahnen – vor allem wenn es so nostalgische Fahrzeuge wie in Lissabon und San Francisco sind – können daher sehr reizvolle Alternativen darstellen. Die Cable Cars gibt es in San Francisco seit 1873. Die von unterirdisch verlegten Kabeln gezogene Straßenbahn ist heute die weltweit einzige noch in Betrieb befindliche Kabelstraßenbahn. Seit 1964 sind allerdings nur mehr drei Linien in Betrieb – diese sind jedoch bei Touristen aus nah und fern nach wie vor äußerst beliebt. Auch das Stadtbild von Lissabon wird seit 1873 von Straßenbahnen geprägt. Zuerst als Pferdestraßenbahn und seit 1901 als Carros eléctricos de Lisboa. Heute umfasst das Lissaboner Straßenbahnnetz eine Länge von 31 Kilometern und wird von insgesamt sechs Linien befahren. Die berühmteste und eigentlich selbst eine Sehenswürdigkeit darstellende Straßenbahn ist die Linie 28E. Sie verbindet die Stadtteile Alfama, Baixa und Lapa mit dem etwas außerhalb gelegenen Stadtteil Prazeres. Dort befindet sich, wie schon erwähnt, auch der Friedhof der Freuden. Die historischen Fahrzeuge der Linie 28E sowie die attraktive Streckenführung durch die Lissaboner Altstadt mit ihren steilen Gassen und engen Kurven macht eine Fahrt mit der 28E zu einem absoluten Muss für viele Touristen. Deshalb ist auch meistens Warten in der Schlange angesagt, bevor man mit an Bord darf. Wenn einem danach das Glück zu Teil wird, beide Füße in die Straßenbahn 28E setzen zu dürfen, ergattert man mit noch mehr Glück sogar einen Platz an einem der Fenster, um Lissabon aus einer ganz besonderen Perspektive erleben zu können.

Zum Verwechseln ähnlich. Die Ponte 25 de Abril in Lissabon ist die jüngere Variante der Golden Gate Bridge in San Francisco.
Was in San Francisco die Cable Cars sind, sind in Lissabon die Carros Eléctricos.

Meeresrauschen am Rande des Nationalparks Sintra-Cascais

Nichts wie ab zum Strand.

Lissabon lässt sich in den Sommermonaten perfekt mit einem Badeurlaub am Atlantik verbinden. Viele Strände befinden sich im nahen Umkreis von Lissabon. Die meisten davon sind zudem bequem mit kostengünstigen Zügen zu erreichen. Nicht ganz so der Praia da Ursa am Rande des Nationalparks Sintra-Cascais. Mit dem Zug kann man zuerst bis nach Cascais fahren, was ungefähr eine gemütliche Stunde Fahrzeit in Anspruch nimmt. Da man aber meist entlang der Küste fährt, kann man wunderbar entspannen und die Ausblicke auf das Meer genießen. Von Cascais aus kann man mit dem Bus (ca. 1 Stunde, 30 Minuten) oder mit dem Taxi (ca. 30 Minuten) fast bis zum Strand fahren. Fast bis zum Strand bedeutet, dass noch ein mitunter sehr steiler, 20- bis 30-minütiger Abstieg bevorsteht. Gutes Schuhwerk mit Profil ist daher unbedingt anzuraten. All das klingt jetzt nicht so verlockend? Ich finde doch! Denn der etwas abgelegene Strand ist ein paradiesisch schönes Naturjuwel. Meistens sind aufgrund des Ab- und Aufstiegs nicht sehr viele Menschen vor Ort, sodass man einen noch wirklich naturbelassenen und sehr sauberen Strandabschnitt erleben kann. Die wildromantischen Felsformationen und die sagenhafte Brandung sind wahrlich atemberaubend. Nicht unbedingt zum Planschen geeignet (windig und kalt!), aber wer ein besonderes Stranderlebnis und eindrucksvolle Fotomotive sucht, wird vom Praia da Ursa begeistert sein. Jause und Getränke nicht vergessen, denn es gibt hier nichts zu kaufen!

Enjoy! Ausblick auf den eindrucksvollen und naturbelassenen Strandabschnitt Praia da Ursa.
Wildromantisch. Der Strand Praia da Ursa am Rande des Nationalparks Sintra-Cascais.

Lissabon. Meine Lieblingsstadt – ein kurzes Resümee.

Der Versuch einer Liebeserklärung.

Lissabon ist eine relativ kleine europäische Hauptstadt, die dennoch eine enorme Vielfalt an Erlebnissen und Eindrücken zu bieten hat. Die glanzvolle Vergangenheit der Stadt trifft auf die urbane Modernität von heute und verbindet die Eigenheiten des Landes und seiner Einwohner zu einem außergewöhnlichen Lebensgefühl und einzigartigem Reiseerlebnis. Obwohl ich Lissabon schon drei Mal ausgiebig besucht und entdeckt habe, bin ich mir sicher, auch beim nächsten Besuch in dieser zauberhaften und charmanten Stadt am Tejo wieder Neues erleben zu dürfen. Man muss es nur darauf ankommen lassen, ausgetrampelte Pfade meiden und den Blick nicht nur auf Liebgewonnenes, sondern auch auf Unbekanntes richten.

KONTAKT

Herzlichst

Lisa Asbäck-Kreinz
aus der TEXTIEREREI

Text © Lisa Asbäck-Kreinz
Fotos © Lisa Asbäck-Kreinz, Emma Sophie Asbäck, Maya Berry, unsplash.com.

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